Werkverzeichnis: Musiktheater: "Wieder sehen" (2000/01)

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Uraufführung (UA): München, Bayerische Staatsoper (Cuvilliés-Theater), 24. Juni 2001
Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper München für das Finale des Wettbewerbs "Teatro Minimo", durchgeführt von der Bayerischen Staatsoper München und vom Opernhaus Zürich

Helena Jungwirth (Eine Wartende), Markus Butter (Ein Heimkehrer), Gaby Fehling (Eine Wissende), Fabio Romano (Ein Pianist)
Inszenierung: Bettina Göschl, Bühne und Kostüme: Michael S. Kraus, musikalische Leitung: Andreas Ruppert

Besetzung Solisten:
Eine Wartende - Mezzosopran, Ein Heimkehrer - Bariton, Eine Wissende - (alte) Sprecherin, Ein Pianist - Klavier auf der Szene

Besetzung Ensemble:
Fl (auch Picc, auch Bassfl) - Ob - Kl (auch Bkl); Pos;
Hrf; Git (auch E-Git); Sz (1 Sp); Cemb;
Vl - Va - Vc - Kb
Dauer: 23 Minuten




Teatro Minimo München, Festspiel+, Uraufführung (Die Wartende, Penelope. Helena Jungwirth; Der Heimkehrer, Odysseus. Markus Butter; Der Wissende. Gaby Fehling) © Wilfried Hösel, Fotograf München
Kommt er? Und wer kommt da? "Wieder sehen" in der Münchner Inszenierung von Bettina Göschl: Eine Wartende (Helena Jungwirth), Ein Pianist (Fabio Romano), Eine Wissende (Gaby Fehling). © Wilfried Hösl, München

Teatro Minimo München, Festspiel+, Uraufführung (Die Wartende, Penelope. Helena Jungwirth; Der Heimkehrer, Odysseus. Markus Butter; Der Wissende. Gaby Fehling) © Wilfried Hösel, Fotograf München
"Wunderlicher... ich weiß recht gut, wie du aussahst...": Eine Wartende (Helena Jungwirth), Ein Heimkehrer (Markus Butter). © Wilfried Hösl, München
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Ehrlich gesagt: Es ist schwierig mit diesen Einführungen. Kaum hat man ein Stück glücklich beendet, kommt auch schon ein Dramaturg mit der Bitte: Schreib doch was darüber.
Gern, sagt man, schluckt und denkt: Was verrate ich eigentlich? Mein Ende, das nur halb so dringlich wirkt, wenn alle wissen, was da kommen wird? Mein Bezug zum lyrischen Gesang, von dem doch meine Musik besser künden sollte als ein Text im Programmheft? Oder die Bedeutung der Widmung, nach der mich die Regisseurin Bettina Göschl sofort gefragt hat: "Wir müssten uns in zehn Jahren noch mal wiedersehen"?
Die Widmung bewahrt ein kleines Geheimnis, wie nach meiner Überzeugung jede gute Musik Rätsel formuliert, Fragen aufwirft, mit jeder Antwort wieder Fragen stellt. Vor 19 Jahren wurde ein Politiker namens Helmut Kohl Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Westeuropa diskutierte über den NATO-Doppelbeschluss, und mitten in Deutschland standen Selbstschussanlagen. Ich ging in die Grundschule, so lange ist das her. Odysseus kehrt nach 19 Jahren nach Hause zurück.
Ja, seine Frau hat auf ihn gewartet. Aber erwartet sie ihn wirklich? Was erwarten wir von unseren Erinnerungen? Und von unseren Mitmenschen, die mit uns älter werden? Wie ist das, einen Menschen wiederzusehen, der uns im Herzen nahe schien, aber fern war? Wann werden wir auf unsere alten Träume zurückgestoßen?
Penelope erkennt Odysseus nicht. In Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" erkennt der Heimkehrer, dass er nicht mehr in die Heimatwelt passt. Ihn verfolgt im Kopf ein Holzbein, unerbittlich pocht es. Es ist die Schuld des Heimkehrers, dass der Mann sein Bein verlor.
"Unser schicksal?", fragt Reiner Kunze im Gedicht "frage und antwort". Jedes "Wieder sehen" bleibt ein Rätsel. Die Musik hilft uns, den Antworten näherzukommen und neue Fragen zu entdecken.
Jörn Arnecke, 2001

Lesen Sie hier ein Interview mit Jörn Arnecke zu "Wieder sehen" (Süddeutsche Zeitung, 23./24. Juni 2001).

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20 Jahre ist Odysseus unterwegs,…

… der Held aus Ithaka, der eigentlich nur mal kurz zum Trojanischen Krieg wollte, hat dutzende von Abenteuern zu bestehen, bevor er seine Heimat wiedersieht — und Penelope, seine Frau, die von nicht wenigen Fans Belagerte, die derweilen standhaft blieb, ihrem Odysseus über die Jahre hinweg die Treue gehalten hat. Ein Sinnbild also von Tugendhaftigkeit und Liebe, das, so meint zumindest der Komponist Jörn Arnecke, heute in unserer von Lebensabschnittspartnern geprägten Zeit, kaum noch realistisch erscheint.
Und so scheitert der große Odysseus bei Arnecke recht kläglich, mit dem Versuch, Penelope für sich wiederzugewinnen. Ein Heimkehrerschicksal, wie es auch Wolfgang Borchert 1947 als düsteres Nachkriegsschauspiel gestaltet hat. Der 27-jährige Arnecke, der bei Peter Michael Hamel in Hamburg studiert hat, verbindet in seiner Kurzoper "Wieder sehen" Homer und Borchert und beweist damit nicht nur Gespür für eine sinnstiftende Dramaturgie, sondern zeigt auch in der musikalischen Ausgestaltung des Themas beachtliches Talent.
[ Musik 1: Wieder sehen]
Kantilenhaft geführte Gesangspassagen der Protagonisten Odysseus und Penelope werden begleitet und kontrastiert von einem ausdifferenzierten Orchestergewebe unterschiedlicher Zupf- und Saiteninstrumente, das an die Welt des antiken Griechenlands gemahnt und mit schneiden Akzenten der Bläser die Welt der Gegenwart symbolisiert. Dazu hat Arnecke einige Musiker im Zuschauerraum postiert, wodurch wirkungsvolle Raumklangeffekte entstehen.

Robert Jungwirth, Bayerischer Rundfunk, Bayern 4, Musik aktuell, 25. Juni 2001


Nachwuchs in Fahrt
Neue Opern-Kompositionen

(…) So kann man Jörn Arnecke (Hameln 1973) allein schon für sein Libretto von "Wieder sehen", eine kluge Kombination von Homer mit Borcherts "Draußen vor der Tür", wünschen, den abendfüllenden Kompositionsauftrag zu erhalten, der aus den jetzigen Festspielen resultieren soll. Musikalisch gibt er sich plastisch, bespielt mit Spinett und Bläsern in den Seitenlogen das Theater als Rundumraum und stellt seine expressive, ebenso brutale wie ironische Musik ganz in den Dienst der Handlung. (…)

Egbert Tholl, Bayerische Staatszeitung, 29. Juni 2001


Neue Kurzopern bei "Festspiel +"
Odysseus mal sechs

(…) Dafür packte Jörn Arneckes "Wieder sehen". Der 28-Jährige blickte dramaturgisch auf den Stoff und stellte als Mensch von heute fest: Nach 19 Jahren Trennung haben sich Penelope und Odysseus grundlegend auseinanderentwickelt. So ist sie die Grande Dame im Salon, die ein Konzert gibt (bildschön und fein ironisch: Helena Jungwirth). Odysseus aber kommt als Beckmann mit Hinkebein und Texten aus Borcherts "Draußen vor der Tür" zurück. Arneckes vielfältige Komposition zeigte Sinn für Bühnenwirkung und Dramatik. Ihm wäre der Auftrag für ein abendfüllendes Werk zu wünschen.

Wolf-Dieter Peter, Bayernkurier, 12. Juli 2001


Wetterwendige Wege durch die Odyssee
"Teatro Minimo" zum Zweiten

(…) Jörn Arnecke stellte für "Wieder sehen" Texte von Wolfgang Borchert und Reiner Kunze zu einem bedeutungsschweren Libretto zusammen und komponierte damit beinahe eine "Nummernoper": Bild reiht sich an Bild. Diese Bilder sind aber phantasievoll, vielfältig und mit heterogenen Materialien komponiert, und man merkt, dass der Komponist ein Gespür für Dramatik und Zeitverläufe hat.

Alfred Zimmerlin, Neue Zürcher Zeitung, 5. Juli 2001


"Teatro Minimo München"
Dreierlei Odysseen

(…) Konkreter wird da schon Jörn Arneckes "Wieder sehen", der seine Dreiecksgeschichte um die Wartende/Penelope, den Heimkehrer/Odysseus und den Pianisten nach Texten von Homer, Borchert und Kunze kompiliert hat. Mit dem gläsernen, auch musikalisch sehr ironisch eingesetzten Flügel des heimlichen Liebhabers korrespondiert das Spinett in der Loge. Die finale, brutale Holzblock-Orgie dagegen hallt wie ein Gewaltakt durchs Theater. Viele Schattierungen und Instrumentalsoli durchziehen die Musik, die Szene (Regie. Bettina Göschl, Bühne und Kostüme: Michael S. Kraus — wie in den anderen beiden Stücken) lässt die Dreiecksgeschichte zwar dezent offen, bebildert aber sonst munter drauflos (…)

Klaus Kalchschmid, Süddeutsche Zeitung, 26. Juni 2001


Schwester Laura und ihr doppelter Held
"Festspiel +": Drei Komponisten präsentieren ihre Kurz-Opern zum Thema Odysseus

(…) Jörn Arnecke, der in "Wieder sehen" beim antiken Mythos auch an Borcherts Heimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür" dachte, schuf eine mehrere Ebenen gut verknüpfende Szene: Eine Sängerin (Penelope?) hat gerade ihren Liederabend beendet, als sich ein Mann mit schweren Seilen durchs Parkett auf die Bühne schleppt. Kein Happy-End, beide erkennen sich nicht. Arnecke beweist Kreativität in der Strukturierung dieser Szene, mit seinen expressiven Klangspielereien (mit im Raum postierten Instrumentalisten), auch im Rückgriff auf frühere musikalische Formen.
Die Musik transportiert Emotion, zeigt nachvollziehbare Haltung zum Stoff (…)

Markus Thiel, Münchner Merkur, 26. Juni 2001


Ein Mann für gewisse Jahre
Festspiel + startete mit drei Kurzopern zum Thema "Odyssee" im Cuvilliéstheater

(…) Griffiger ist dagegen Jörn Arnecke mit "Wieder sehen", der geschickten Überlagerung von Homer und Borcherts "Draußen vor der Tür". Auch Arnecke arbeitet in Gesang und Orchester mit den Kompositionsmaterialien der 60er und 70er Jahre, macht aber Emotionen hörbar, die Penelope (Helena Jungwirth), Odysseus (Markus Butter), der Wissenden (Gaby Fehling) und dem Pianisten (Fabio Romano) zuzuordnen sind. Es ist nachvollziehbar, dass sich Penelope umorientiert hat, Odysseus nicht mehr braucht. (…)

Marianne Reißinger, Abendzeitung München, 26. Juni 2001


Das Kreuz mit dem Wetterbericht

(…) Mehr Pep im zweiten Beitrag zum verbindlichen Thema "Odyssee": Jörn Arnecke beschreibt in "Wieder sehen", wie sich die Gefühle von lange getrennten Menschen ändern. Arneckes Musik ist vielfarbig und abwechslungsreich, dazu wird in Klang und Handlung der gesamte Theaterraum genutzt. (…)

M.B., tz München, 26. Juni 2001

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Die erste Seite der Partitur kann im pdf-Format eingesehen werden:
Wieder sehen


Für Hörproben wenden Sie sich bitte an Jörn Arnecke. Kontakt
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