Roman
und Oper handeln von einer jungen Frau, Ninon, die HIV-positiv ist und trotzdem
heiratet. Wie kommt es dazu?
Francis Hüsers: Es kommt deshalb dazu, weil sie verliebt ist und Gino,
in den sie verliebt ist, sie auch liebt. Das einzig Besondere daran ist,
dass sie ohne HIV-Infektion vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen wären
zu heiraten. Nachdem Gino von seinem Vater Federico den entscheidenden Rat
erhalten hat, entschließen sie sich, nicht trotz der Krankheit, sondern
gerade deshalb zu heiraten.
Hoffnung gibt es für die beiden nicht?
Jörn Arnecke: Sie wissen, dass sie keine sehr lange Zeit mehr haben,
aber sie wollen ihre kurze Zeit glücklich nutzen. Es geht also darum,
dass auch in so einem Moment der Hoffnungslosigkeit noch ein Zeichen für
Glück gesetzt werden kann. Am Schluss meines Musiktheaters ist beides
da, Trauer und Glück. Nachdem Jean und Federico sehr dunkel vorhergesagt
haben, wie die Krankheit verlaufen wird, kehren wir wieder zur Hochzeitsfeier
zurück, ein Zeichen des Lebens.
fh: Das Verwiesen-Sein auf den Augenblick erzeugt eine Intensität des
alltäglichen Lebens, und das ist vielleicht etwas, was ich als einen
Aspekt von Hoffnung bezeichnen würde.
ja: Es gibt ein sehr auffälliges musikalisches Moment, in dem sich
Tragik und Hoffnung konzentrieren: die Ratschen, die sowohl bei dem Liebeshöhepunkt
erklingen wie auch im Finale, wenn die Todesaussicht geschildert wird.
Normalerweise wird man in der Ratsche kein Liebesinstrument sehen, vor
allem dann nicht, wenn es, wie bei Ihnen, nur einmal »knack«
machen darf.
ja: Na ja, das »Knack« ist nur eine Vorbereitung dessen,
was dann immer stärker wird und am Ende explodiert. Aber ich gebe gerne
zu, gerade die Liebesszene hat mich vor große Schwierigkeiten gestellt.
Wie schreibt man heute noch eine Liebesszene, so dass sie echt und nicht
verbraucht ist? Ich habe versucht, eine unerwartete aber poetische Lösung
zu finden, indem sehr viel mit Geräuschen gearbeitet wird. Im Moment
des Liebeshöhepunktes bricht ein Haus zusammen – ein großer
Krach, und dieses Holzknacken, das da vorbereitet wird, sind die Ratschen;
von nun an ist ihr Geräusch mit der Erinnerung an das Liebeserlebnis
verbunden.
Wenn das Haus zusammenkracht, fällt der Blick auf einen Apfelbaum,
und Ninon posiert mit dem Apfel wie bei Adam und Eva. Der Roman spielt an
vielen Stellen mit biblischen Assoziationen. Hat John Berger eine religiöse
Herangehensweise an den Stoff gewählt?
fh: Berger arbeitet mit Bildern und Anspielungen die europäische
Kultur- und Sozialgeschichte auf, und dazu gehört auch die Religion.
Ich glaube aber, dass der Gehalt, oder "die Botschaft" (wenn es
denn eine gibt), nicht religiös, sondern gerade atheistisch ist, nämlich
in dem Bezogensein auf das Hier und Heute. Zum Beispiel Jean, Ninons Vater,
wenn er versucht zu beten: Jean ist Gewerkschafter, war politisch aktiv,
zumindest in der traditionellen Arbeiterbewegung, und kann überhaupt
nicht beten. Wenn er betet, sucht er also nach irgendwas, aber das ist nicht
unbedingt Gott und das ist nicht in einem eng gefassten religiösen
Bild eingefangen.
ja: Das Religiöse wird gebrochen, denn Jean hat seinen Motorradhelm
auf, wenn er betet. Das muss man sich mal vorstellen...
Buch und Oper erzählen viel von der Reaktion der anderen auf die
Krankheit. Wie reagieren die Eltern?
fh: Vollkommen normal, nämlich völlig verzweifelt. Dabei
erschreckt sie nicht so sehr AIDS und diese spezielle Problematik, sondern
die Gewissheit: unsere Tochter wird sterben. Jean findet die Formel: Wir
müssen versuchen, nichts in alles zu verwandeln, was heißen kann,
jetzt zu leben, den Augenblick zu schätzen. Zdena, die Mutter, fühlt
sich darüber hi-naus schuldig, weil sie einerseits Mutter sein will
und sich verantwortlich für ihre Tochter fühlt, andererseits ihren
Mann und die damals kleine Tochter verlassen hat.
Francis, du hast einmal gesagt, John Berger sei einer deiner Lieblingsautoren.
Was fasziniert dich an seiner Erzählweise?
fh: Es ist »typisch« für Berger, dass er eine Individualgeschichte
auf einfühlsame Weise erzählt, sie aber vor einen weit gefassten
Hintergrund aus einer Menge nur punktuell angesprochener Bezüge stellt.
Hinzu kommt, dass Berger mit Erzählstrukturen experimentiert. Hier
zum Beispiel wechseln die Erzählperspektiven ständig, überblenden
sich sogar. Man beginnt, einen Satz zu lesen, und denkt, das sei aus der
Per-spektive des blinden Tama-Verkäufers in Athen erzählt, der
jemanden telefonieren hört, und während dieser Satz noch weitergeht,
merkt man: der da telefoniert, ist Jean, der in Frankreich steht und mit
Federico in Italien telefoniert. Es gibt (im literarischen Sinne) eine Polyphonie
im Text, die Reibungen entstehen lässt.
Nun sind Individualgeschichten das stärkste Anliegen einer Oper,
denn gerade die Warmherzigkeit kann theatralisch erfahrbar gemacht werden.
Polyphone Erzählweise und kulturgeschichtlicher Hintergrund sind hingegen
in der Oper schwer darstellbar. Hast du beim Libretto Abstriche machen müssen?
fh: An diesem Punkt war die Zusammenarbeit mit »meinem«
Komponisten einfach hervorragend. Jörn schlug vor, das zu nutzen, was
Oper und Musik von sich aus anbieten: die Parallelität. Singende bzw.
sprechende Figuren kann man parallel führen und damit ebenfalls Polyphonie
erzeugen. Ich fand dann beim Schreiben der Ensembles die Vorstellung spannend,
dass man als Zuhörer den Text teilweise nicht mehr verstehen können
wird, sondern nur noch Wörter oder Fetzen davon. Gleichzeitig aber
ist der Text doch als Ganzes da.
ja: Um in solchen Passagen die Polyphonie verstehbar und erlebbar zu machen,
muss die Musik differenziert sein: Verschiedene Personen erhalten ihre klanglich
und atmosphärisch je eigene Musik. Das hat mich zu einer sehr vielgestaltigen
Musik geführt. Hinter jedem Komponisten liegt ja eine große Palette
unterschiedlicher Stile, mit der man arbeiten kann. Es liegt mir fern, mich
in einem abstrakten musikalischen Raum zu bewegen, in einem engen Kästchen,
das ich nicht mehr verlasse. Ich wollte gut 90 Minuten mit unterschiedlicher
und hoffentlich immer treffender Musik anfüllen.
Es gibt lange Passagen mit Sprechgesang und sehr zurückgenommenem
Orchester zugunsten der Textverständlichkeit – manchmal hatte
ich das Gefühl, der Komponist fühlt sich eingeschränkt …
ja: »Eingeschränkt« ist übertrieben. Diese vielen
Stellen, an denen gesprochen wird, dienen auch dazu, die Stimme in ihrer
Bandbreite auszuloten. Das Singen soll nicht als etwas Selbstverständliches
hingenommen werden – Oper heißt, man singt –, sondern
etwas Besonderes sein. Andererseits ist es sehr wichtig, sich in einem so
langen Stück (und es war für mich eine neue Erfahrung, ein abendfüllendes
Werk zu schreiben) Spannungsmomente aufzuheben. Ich hoffe, dass die Festszene
wirklich als Höhepunkt erlebt wird, als Summe der bisher gehörten
Musik.
Das Instrumentalensemble ist sehr tief, es fehlen die Geigen. Woher
die Entscheidung für einen dunklen Klang?
ja: Die Geschichte erwächst aus einem sehr einschneidenden, schwierig
zu verarbeitenden Einschnitt. Der löst die dunkle Klangfarbe aus. Gleichzeitig
ist das Ensemble vielseitig einsetzbar, weil ich durch die Nebeninstrumente
der Holzbläser sowohl eine tiefe Besetzung erzeugen kann (mit Kontrafagott,
Bassklarinette und Altflöte) als auch eine sehr hohe (mit Piccoloflöte
und Es-Klarinette) und manchmal auch eine schrille.
Sie haben das Orchester gedoppelt: Die Instrumente »im Graben«
kehren in der Nähe des Publikums wieder. Was hat es damit auf sich?
ja: Durch die Verteilung der Musiker kann ich mit dem Klang im Raum
spielen. Ich kann etwas vor der Bühne (im Graben) erklingen lassen
und danach als Echo in den Raum hinein werfen. Ich kann Rechts-Links-Effekte
einsetzen, weil ich auf der einen Seite vom Publikum die Bläser sitzen
habe und auf der anderen Seite die Streicher – also eine schwankende
Wirkung.
In der Festszene kommen dann mehrere Musiker auf die Bühne: zum einen
die Hoch-zeitsmusik mit Akkordeon und Bratsche, zum anderen drei Musiker,
die wie Todesboten quer über die Bühne gehen. Die Musik überflutet
auch noch den Bühnenraum. Ich möchte damit dem Eindruck entgegen
wirken, dass Bühne und musikalisches Ensemble getrennte Welten sind,
wie man das oft in Opern wahrnimmt: oben die Handlung, unten die Psychologie.
Hier ist das Ganze miteinander verzahnt und kann so noch viel stärker
zu einer persönlichen Berührung und einer Nähe der Musik
beitragen.
In der siebten Szene hat die Raumaufstellung eine besondere Funktion. Hier
wird zum ersten Mal durch Zdena die eigentliche Geschichte erzählt:
von den Anfängen bis heute. Und so wie hier textlich die Dinge offen
gelegt werden, habe ich mich entschlossen, auch musikalisch mein Material
offen zu legen, und sowohl die Klänge, mit denen ich das gesamte Stück
gebaut habe, offen zu legen als auch die Raum-aufstellung. Nun wandert nämlich
der Klang um das Publikum herum.
Sie sind sehr architektonisch an die Komposition herangegangen …
ja: Zugegeben. Um packende Musik zu schreiben, braucht man einerseits
ein gutes Gerüst und viel Vorplanung, andererseits die Entscheidungsfreiheit
für den einzelnen Moment. Das Gerüst bewahrt einen davor, zu kleinteilig
zu sein, jeden Moment zu sehr auskosten zu wollen. Und die Entscheidungsfreiheit
im Moment sorgt dafür, dass man auf die Situation reagieren kann und
nicht nur das Konstrukt durchscheinen lässt. Ich glaube, wenn beides
vorhanden ist, ist die Musik am stärksten. Ob das aber aufgegangen
ist, entscheiden auch die Hörerinnen und Hörer.
Das Gespräch führte Christoph Becher.
Staatsoper Journal, Juni / Juli 2003
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