CD-Tipp:
Jörn Arneckes "Das Fest im Meer"
Genussvolles Eintauchen
"Sein Meisterstück" nannte die Kritik Jörn Arneckes
Musiktheater nach der Uraufführung im Hamburger Kampnagel vor drei
Jahren. Schon ehrenhaft genug, dass der junge Mann überhaupt einen
Opernauftrag der Hamburgischen Staatsoper bekam - der Mitschnitt der Produktion
unter der Leitung von Cornelius Meister liegt nun für alle zum Nachhören
auch noch frisch auf CD vor, klangtechnisch erstklassig auf Hybrid SACD
Surround zum genussvollen Eintauchen in eine sehr spezielle Klangwelt.
"Das Fest im Meer" bedient sich des Romans "Auf dem Weg zur
Hochzeit" von John Berger (1995) und erzählt - im Vergleich zur
Vorlage erstaunlich linear - die Geschichte von Ninon, die sich nach ihrer
HIV-Diagnose von Gino trennen will. Der hält an seiner Liebe fest und
plant die Hochzeit im Po-Delta, zu der auch die jeweilige Verwandtschaft
anreist. Dürre Beschreibung für ein hochpoetisches und -politisches
Zeitporträt Mitteleuropas zwischen 1968 und 1994. Und ganz schön
viel Stoff für eineinhalb Stunden modernes Musiktheater.
Aber Jörn Arneckes Partitur beschwört eine ganz eigene Atmosphäre,
löst simultane Ereignisse polyphon auf und legt verschiedene Gedanken
collageartig übereinander, ohne zu überfrachten oder zu überfordern.
17 Instrumentalisten und sechs Sänger (wunderbar die Ninon der Maite
Beaumont) sind gefordert, in nie abgeschmackte Klangsphären einzutauchen.
Trotz fehlender Geigen leuchtet ein mediterranes Licht durch diese Musik,
die von Geräuschen über Vierteltöne bis zur Kantilene vieles
nutzt, was zwischen Barock und Avantgarde "erfunden" wurde. Dicht
gewirkt, dennoch filigran und sparsam kommt diese Musik daher, vielsagend
und spezifisch auf Figuren und Situationen bezogen - klischeefreie Schönheit
inklusive. Cornelius Meister setzt all das vom Pult aus höchst sensibel
ins (Hör-)Bild.
IW, meier (das stadtmagazin), Mai 2006
Was wäre die Oper ohne an Schwindsucht leidende Frauen? Doch heute
sind es andere Krankheiten, die zur Geißel ganzer Generationen werden,
als in der Hochblüte des romantischen Musiktheaters. Krebs zum Beispiel
und AIDS. Wenn Jörn Arnecke in seiner ersten abendfüllenden Oper
eine mit HIV infizierte Frau auf die Bühne bringt, stellt er sich gleichzeitig
in den Kontext der Musiktheater-Tradition. Wie Violetta bei Verdi oder Mimi
bei Puccini, so ist auch Ninon dem Tod geweiht. Kurz bevor sie heiraten
möchte, erfährt sie, dass sie HIV-positiv ist. Ihr Freund entschließt
sich dennoch, sie zu heiraten. Die Hochzeit feiern sie mit einem Fest im
Meer, sie setzen sich an einen Tisch im Wasser, das gleichermaßen
für Leben und Tod stehen kann. Die Vorlage für sein Libretto hat
Francis Hüsers, Produktionsleiter an der Hamburgischen Staatsoper,
in John Bergers Roman "To the Wedding" gefunden. Berger erzählt
darin unter Auflösung der Chronologie von verschiedenen Menschen, die
unterwegs zu einem Hochzeitsfets sind. Um ein fassbares Musiktheaterstück
daraus zu machen, hat Hüsers den Fokus auf das Liebespaar und dessen
Väter sowie eine der Mütter gerichtet.
Die AIDS-Erkrankung dient nicht nur dazu, auf das gesellschaftliche Problem
von Ausgrenzung aufmerksam zu machen. Sie stellt auch einen Kunstgriff dar,
um eine Extremsituation zu schaffen, in der sich das Leben gegen den Tod
behaupten muss, die Menschen etwas erfahren, was ihnen ohne die Konfrontation
mit dem Ende nicht einleuchten würde: Die Möglichkeit des Glücks.
Denn wie bei den Paaren in der "Bohème" oder "La Traviata"
so wird auch die Liebe zwischen Ninon und ihrem Mann Gino dadurch vollkommen,
dass ihre Ewigkeit eine des Augenblicks ist. Und die Eltern-Generation mit
ihren 68er-Ambitionen, für die bisher das "Gesetz der Trägheit"
galt, wie das Libretto durchblicken lässt, wird dazu genötigt,
sich noch einmal daran zu erinnern, dass die Liebe die stärkste Kraft
ist. Ein Stoff also, der in unsere Zeit passt.
Der 1973 in Hameln geborene Komponist Jörn Arnecke betont denn auch,
dass er verstanden werden möchte. Er setzt nicht auf der theoretischen
Höhe einer esoterischen Kompositionsschule an, sondern stellt durch
seine Musik ganz grundsätzlich die Frage, welchen Sinn es hat, wenn
Menschen sich auf einer Bühne ansingen. Und wie viele seiner erfolgreichen
Vorgänger kommt er zu dem Ergebnis, dass der Gesang eine Überhöhung
des gesprochenen Wortes ist. Arnecke geht deshalb äußerst bewusst
mit den Stimmen seiner Sänger um und setzt nicht auf schrille Klänge,
die dem natürlichen Bedürfnis von Stimmapparat und Gehör
nach Spannung und Entspannung widerstreben. Arneckes Singstimmen sind aus
dem Sprachduktus heraus entwickelt, ohne jedoch sklavisch der Satzmelodie
zu folgen. Das Deklamieren auf Tonhöhen verwendet er ebenso wie den
vollen Gesangston. Dabei wahrt er stets eine kammermusikalische Grundatmosphäre,
deren instrumentale Basis ein 17-köpfiges Ensemble unter Leitung von
Cornelius Meister bildet. Das kompositorische Material ist aus einem Bereich
der Obertonreihe entwickelt, der sich der bewussten Wahrnehmung entzieht.
Doch trotz einer höchst komplizierten Faktur bleibt das klangliche
Erlebnis stets nachvollziehbar. Fast könnte man das "Fest im Meer"
als moderne Konversationsoper bezeichnen, wenn der Kerngedanke weniger tragisch
wäre. Die Partien der Sänger sind zwar schwer zu singen, verlangen
jedoch nicht, ein Orchesetr überbrüllen zu müssen. Und so
kann Maite Beaumont im Mitschnitt der Hamburger Uraufführungsproduktion
von 2003 in der Rolle der Ninon regelrecht aufblühen. Moritz Gogg als
ihr Bräutigam gefällt mit einem ungekünstelten Gesang. Die
Väter sind luxuriös besetzt mit Tomas Möwes und dem immer
noch großartig präsenten Dieter Weller, der im nächsten
Jahr seinen 70. Geburtstag feiert. Großes Lob gebührt auch einem
weiteren Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper, der Mezzosopranistin
Renate Spingler als innerlich zerrissene Mutter der Ninon.
J. Schmitz, Das Opernglas, 3/2006
Jörn Arnecke, 1973 in Hameln geboren und in Hamburg lebend, hat sich
mittlerweile mit mehreren Musiktheaterwerken als hoffnungsvoller Komponist
in diesem Genre profiliert. Seine hier eingespielte Kammeroper Das Fest
im Meer basiert auf dem Roman To the Wedding von John Berger, den Francis
Hüsers als Libretto einrichtete. Auffällig ist die äußerst
delikate Instrumentation, die stimmungsvolle und technisch interessante
und ausgereifte musikalische Gestaltung der einzelnen Szenen; einnehmend
auch die geschickte Dosierung von Gesang und Sprechtexten, die natürlich
wirkt, ohne konventionell zu sein, und die der Oper das gibt, was diese
braucht, ohne aber artifizielle Stimmakrobatik in den Vordergrund zu schieben.
Da es sich um ein fast intimes Kammerspiel mit nur wenigen Personen handelt,
erfreut den Hörer die Textverständlichkeit wie auch die Charakterisierung
der einzelnen Personen. Das Stück kommt angesichts der Anlage verschiedener
Handlungsmotive doch zielgerichtet voran, ist weder zu lang noch zu kurz.
Die Einschränkung der Gesamtbewertung betrifft eigentlich im Wesentlichen
die Vorlage, für die aber letzten Endes auch der Komponist, da er sie
nun einmal ausgewählt hat, geradestehen muß: Hier findet sich
ein merkwürdig disparates Geflecht von thematischen Andeutungen zwischen
Prager Frühling 1968, Emigrantenschicksal in Frankreich, Familientradition
in Italien, Liebesgeschichte zwischen den Völkern und schließlich
eine in diesem Zusammenhang etwas unmotiviert wirkende Problemschürzung
durch eine AIDS-Erkrankung. Jedes dieser Themen hätte eine eigene Geschichte
verdient; die lose Verquickung aller bleibt beliebig und ein wenig oberflächlich.
Dennoch ist diese Produktion geeignet, den Komponisten bekannt zu machen
und kennenzulernen, nicht zuletzt durch die dankenswert opulente Präsentation
mit Librettotext und Kommentaren.
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität: 10
Gesamteindruck: 7
(Bewertungsskala: 1-10)
Hartmut Lück, Klassik heute, 23. Februar 2006
Mit einer atmosphärisch dichten, ätherisch feinnervigen Musik
umkleidet Jörn Arnecke sein Drama um ein HIV-infiziertes Paar, dessen
Liebe alle Widerstände übersteht und in das "Fest im Meer"
mündet, ein Totenmahl und Requiem. Mit seiner als Auftragswerk der
Hamburgischen Staatsoper im Juni 2003 uraufgeführten Oper "Das
Fest im Meer", deren CD-Mitschnitt nun vorliegt, gelang dem damals
30-jährigen Arnecke ein hoch sensibel ausgeleuchtetes Kammerspiel,
das gerade durch seine lautere, ruhige und zurückhaltende, ohne aufpeitschende
Emotionen auskommende Musik anspricht. Im Mittelpunkt der nach dem Roman
von John Berger "To the Wedding" entworfenen Szenenfolge steht
Ninon, die erfahren hat, dass sie HIV-positiv ist und nun ihrem Geliebten
Gino den Ring zurückgeben will. Währenddessen reisen aus Prag
ihre Mutter und aus Frankreich ihr Vater zur Hochzeit an, und Ginos Vater
Federico gibt endlich seine Einwilligung zur Hochzeit, die an der Mündung
des Flusses stattfindet. Cornelius Meister bringt die wundersamen, unverbrauchten
Klänge der Partitur zum Leuchten, ihre schwebende Innigkeit und den
zarten Glanz. Das Ensemble, vor allem Maite Beaumont als Ninon, bietet eine
fesselnde Leistung.
RF, crescendo, 1/2006
Ohrenschmaus für Opernfreunde: "Das Fest im Meer"
von Jörn Arnecke
Die zeitgenössische Musik erneuere sich in der Oper, hat der junge,
vom ehemaligen Staatsopernintendanten Louwrens Langevoort geförderte
Komponist Jörn Arnecke einmal gesagt und gleich zwei davon für
die Hamburgische Staatsoper geschrieben. Damit sich nicht nur die Avantgarde
im allgemeinen, sondern auch die Erinnerung an seinen Opernerstling "Das
Fest im Meer" im speziellen erneuern läßt, ist jetzt der
Mitschnitt der Uraufführung beim Hamburger Label NCA/Membran erschienen.
Im Vergleich zu seinem Musiktheater "Butterfly Blues" scheint
das fragile, aus szenischen Fragmenten zusammengesetzte Drama um ein HIV-infiziertes
Paar viel packender. Jede Emotion, auch die verzweifelteste der zum Sterben
bereiten und wegen ihrer Infektion dem Geliebten entsagenden Ninon (hervorragend
Maite Beaumont), wird von einer schwebenden Klangwolke absorbiert, die die
Philharmoniker unter Leitung von Cornelius Meister subtil vorübergleiten
lassen.
Es ist eine atmosphärische Musik, die auch bei den klischeehafteren
Figuren wie dem lächerlich vor sich hin warnenden Vater Jean (Tomas
Möwes) in ihrer lähmenden Ruhe verharrt. Nicht jede Reaktion,
nicht jede Assoziation findet so die erwartete Entsprechung, denn der Fokus
bleibt allein auf die Unzerstörbarkeit der Liebe und Ginos (Moritz
Gogg) Treue zur Geliebten gerichtet. Am Ende steht das Fest, ein vorgezogenes
Totenmahl oder eben ein lebendiges Requiem für die Selbstaufopferung,
bei dem die zart-transparente Musik förmlich in die Körper des
allen Widrigkeiten zum Trotz vereinten Paares eindringt und Losgelöstheit
vom Irdischen symbolisiert.
hpe, Die Welt, 21. Dezember 2005
Jörn Arnecke
Liebe und Tod, unmittelbar miteinander konfrontiert: Das ist der Kern der
2003 auf Kampnagel uraufgeführten Kammeroper "Das Fest im Meer".
Und nicht nur Librettist Francis Hüsers hat sich dem behutsam genähert,
auch der junge Hamburger Komponist Jörn Arnecke findet für die
Geschichte um die Hochzeit der HIV-kranken Ninon eine ebenso subtile wie
facettenreiche Klangsprache, schafft damit auch in diesem Live-Mitschnitt
sehr atmosphärische Musik.
ff, Hamburger Morgenpost (plan 7), 9. Februar 2006
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