| Frühere
Lehrveranstaltungen bei der Deutschen SchülerAkademie
2007, Jugenddorf-Christophorus-Schule Braunschweig
Kursübergreifende Musik mit Theaterprojekt der Gesamtakademie
"Es werde Licht"
2003,
Jugenddorf-Christophorus-Schule Braunschweig
"Verstimmt stimmt"
mit Peter Giesl, München
"Ich selbst bin so sehr an die ungleichschwebenden Stimmungen
gewöhnt,
dass für mich ein gewöhnliches Klavier furchtbar falsch klingt..."
Nikolaus Harnoncourt, Musik als Klangrede (1985)
"Spiel doch mal sauber!" Als Geiger, Flötist oder Sänger
muss man sich gelegentlich solch einen Kommentar von seinem Klavierbegleiter
anhören – aber spielt der denn sauber? Ist das Klavier "richtig"
gestimmt? Und weiß der Pianist zumindest im Prinzip, nach welchen
Gesetzmäßigkeiten dies geschieht? Sind Orgeln nicht manchmal
anders als Klaviere gestimmt? Ist richtige Intonation vielleicht gar nicht
absolut messbar? Kann am Ende jeder intonieren, wie er will?
In unserem Kurs sollen zunächst einige akustische Grundlagen behandelt
werden. Hier wird die Naturtonreihe oder Obertonreihe eine zentrale Rolle
spielen. Ihre Intervalle bezeichnet man als rein. Die Naturtonreihe tritt
als Basis der Blechblasinstrumente und als Flageolett bei den Streichern
deutlich in Erscheinung, aber auch alle einzelnen Klavier- oder Geigentöne
sind tatsächlich selbst eine Naturtonreihe, ein Spektrum. Um später
Unterschiede genau berechnen zu können, ist neben einem kleinen Ausflug
in die Physik auch eine Stippvisite in der Mathematik notwendig.
Rein oder nicht rein – das ist hier die Frage
Die Frage nach der Stimmung ist eng verknüpft mit der Entwicklung
der Musik selbst. Erst wenn man von einstimmigen Melodien zu Intervallen
und später Akkorden kommt, stellen sich Fragen von Zusammenklang
und Harmonie. Die ersten Zusammenklänge waren Quarten und Quinten,
die oft parallel zur Hauptstimme geführt wurden, und daher ergibt
sich als eine der ersten Möglichkeiten die pythagoreische Stimmung,
die reine Quarten und Quinten verwendet. Leider sind in dieser Stimmung
die großen Terzen alle unrein, so dass diese mit Recht nicht als
vollwertige konsonante Intervalle galten. Den Terzen wiederum trägt
die in der Barockzeit aufkommende "mitteltönige Stimmung"
Rechnung. Sie versucht, möglichst viele reine große Terzen
auf Kosten unreiner Quinten bereitzustellen. Man kann auch eine "reine"
Tonleiter zusammenstellen, mit der man in einer Tonart möglichst
viele reine Intervalle erhält. Aber wenn man nun in andere Tonarten
wechselt, sind diese nicht mehr rein. Es ist also nicht möglich,
in allen Tonarten gleichzeitig rein spielen – es sei denn, man stimmt
sein Instrument ständig um.
Man kann zeigen, dass man mit zwölf unterschiedlichen, oktavgleichen
Halbtönen nicht auch reine Quinten oder reine große Terzen
erzeugen kann. Die Fehler, die so genannten Kommata, die man zwangsläufig
macht, kann man nur mehr oder weniger auf die zwölf Quinten verteilen.
Daraus ergab sich zur Barockzeit eine Vielzahl von Stimmungssystemen –
bis schließlich 1691 der Organist und Musiktheoretiker Andreas Werckmeister
eine "gleichschwebende Temperatur" vorschlug, die den Fehler
gleichmäßig auf alle zwölf Quinten verteilt. So konnte
dann Johann Sebastian Bach im "Wohltemperierten Klavier" Präludien
und Fugen in allen Tonarten schreiben. In dieser Stimmung findet sich
jedoch außer der Oktave kein einziges reines Intervall! Auf diese
Weise sind aber die Klaviere heute gestimmt – und da behaupten die
Pianisten noch, sie spielten sauber!
Wie stimmt man heute?
Die Entwicklung der Stimmungssysteme ist damit aber keinesfalls
abgeschlossen. Zunächst gibt es außerhalb der abendländischen
Musik noch viele andere Stimmungssysteme, von denen eine Auswahl ebenfalls
behandelt werden soll. Im 20. Jahrhundert versuchten Komponisten wie Hába
und Wyschnegradzky durch kleinere Intervalle wie Vierteltöne das
temperierte System zu erweitern, einerseits zur klanglichen, andererseits
zu melodischen Bereicherung. Später war eine weitere Motivation von
Komponisten immer wieder, das "unreine" temperierte System durch
Rückbesinnung auf reine Intervalle zu ersetzen. Hierzu gehören
Komponisten wie der Amerikaner Harry Partch, der selbst neue Instrumente
baute und ein neuartiges Notationssystem entwickelte, das nicht auf den
Abweichungen gegenüber der temperierten Stimmung beruht, sondern
auf der Naturtonreihe selbst. Eine ganze Reihe von Komponisten, darunter
der Franzose Gérard Grisey, bezeichnet man als "Spektralisten",
weil ihre Kompositionen das Spektrum eines Tones mit einem ganzen Orchester
nachbauen.
Selbst entdecken
Offensichtlich ist "sauber spielen" kein absoluter Begriff,
sondern kulturell und historisch sehr unterschiedlich aufgefasst worden
– es gibt also noch viele neue Möglichkeiten, interessante
Stimmungen zu entdecken! Dies werden wir dann auch praktisch erproben:
die Erkenntnisse aus der Instrumentenkunde auf den eigenen Instrumenten
nachvollziehen, mit dem Stimmschlüssel am Cembalo hantieren und mit
dem Pitch-Rad am Synthesizer. Vielleicht lässt sich sogar die eigene
Singstimme mikrotonal einsetzen?
Nachdem wir so viele neuartige Gestaltungsformen kennen gelernt haben,
werden wir einige Ideen zu kleinen Stücke ausarbeiten – und
diese selbst komponierten Werke auch aufführen.
Teilnahmebedingungen
Unser wichtigster Wunsch ist: Seid interessiert und offen! Interessiert
solltet ihr daran sein, in ein nicht einfaches musiktheoretisches Gebiet
einzusteigen und euch auch von ein paar mathematischen Formeln nicht schrecken
zu lassen – und daran, eure Wahrnehmung zu entdecken und Zutrauen
zur eigenen Kreativität zu entwickeln. Offen solltet ihr dafür
sein, eine neue Sicht auf scheinbar bekannte Musik zuzulassen und eure
Hörgewohnheiten zu überdenken.
Spezielle Vorkenntnisse zu Stimmungssystemen oder Mikrotonalität
sind nicht erforderlich, wohl aber ein Grundwissen in Allgemeiner Musiklehre
(Intervalle, Dreiklänge). Ein Instrument solltet ihr so sicher beherrschen,
dass ihr es im Kurs benutzen könnt. Außerdem dürft ihr
euch aus einer Liste ein Thema für ein kurzes Referat (etwa Biografie
eines Komponisten, Tonerzeugung der Blechblasinstrumente) auswählen,
das im Laufe des Kurses gehalten wird.
Und nicht zuletzt solltet ihr jede Menge Vorfreude mitbringen, denn Spaß
haben wir – bestimmt!
2001, Jugenddorf-Christophorus-Schule Braunschweig
"Drama Musik – Eine Musiktheater-Werkstatt"
mit Elisabeth Stöppler, Hamburg
Was will Musik auf der Bühne? Was kann Musik, was Sprache
nicht kann? Was kann Sprache, was Musik nicht kann? Verstehen wir Musik?
Und wie? Wer oder was hilft uns dabei? Was muss erklärt werden? Warum
singt ein Mensch? Und wann?
Niemand wird behaupten, dass der Mensch ohne Musik nicht existieren könne.
Ohne Sprache wird sein Zusammenleben mit anderen allerdings schon schwieriger.
Aber braucht er tatsächlich Gesang?
Wie entsteht Oper? Muss man ein altes Stück verdrehen, um es neu
zu inszenieren? Wenn unsere Gesellschaft schräg ist, muss es dann
auch die Oper sein? Muss Musik schön sein? Kann Oper Krieg beschreiben?
Ist Musik zum Entspannen da? Ist Oper Plüsch?
In der Kunstform Oper betonen singende Menschen, dass sie Realität
erleben, es finden Situationen statt, die aus dem Leben gegriffen sind.
Nur, dass im Alltag eher selten gesungen und musiziert wird, um Lachen,
Weinen, Liebe oder Tod zum Ausdruck zu bringen. Wie funktioniert also
Oper? Funktioniert sie überhaupt noch? Oder besser: Was ist notwendig,
damit sie den Hörer heute interessiert und angeht? Gibt es überhaupt
noch Hörer oder nur noch Zuschauer?
Die Bühne als Spiel
Ziel des Kurses ist es, ein Stück Musiktheater zu konzipieren
und zu realisieren. Es stehen Texte zur Auswahl, aus denen in Gruppenarbeit
ein Libretto entwickelt wird. Dabei muss zunächst herausgefunden
werden, wie Sprache klingt und was ihr zu Klang verhilft. Neue Fragen
eröffnen sich: Was lässt sich szenisch umsetzen, und welche
Rolle übernimmt die Musik? Welche Wege gibt es, mit der Musik den
Text zu illustrieren oder zu ihm musikalisch eine Gegenposition zu entwickeln?
Die Musik wird von den Kursteilnehmern frei improvisiert. Aus diesen Improvisationen
wird eine Ideen-Auswahl für das spätere Stück getroffen.
Kriterien sind: Was kann tatsächlich durch Hören sichtbar gemacht
werden? Wo muss die Inszenierung eingreifen und Verständnishilfen
anbieten? Braucht man Symbole auf der Bühne? Muss eine Situation
szenisch eindeutig geklärt sein, oder reicht ein Hinweis - und wird
sogar viel stärker wirken?
Die ganze Bühne ist ein Spiel. Ein Spiel mit Instrumenten. Ein Spiel
mit Rollen, die geschaffen und verteilt werden. Es geht um Fabrizieren,
Inszenieren, Kritisieren. Und am Ende um die Aufführung.
Bevor die Arbeit am Stück beginnt, lernt sich die Gruppe in szenischer
und musikalischer Improvisation kennen. Zu diesem experimentell-praktischen
Teil gehört eine Einführung in elementare schauspielerische
Techniken. (Singen kann sowieso jeder!)
Die Theorie als Basis
In einem theoretischen Teil wird die Entwicklung des Musiktheaters und
seiner szenischen Umsetzung im 20. (und 21.!) Jahrhundert dargestellt.
Untersucht werden die verschiedenen Ansätze und Arbeitsweisen von
Regisseuren wie Walter Felsenstein, Ruth Berghaus, Peter Konwitschny und
von Komponisten wie Bernd Alois Zimmermann, Aribert Reimann und Helmut
Lachenmann sowie ihre Bedeutung für das zeitgenössische Musiktheater.
Im Vordergrund steht dabei, wie sich Gesellschaft und Kunst bedingen -
jede Gesellschaft hat die Oper, die sie verdient.
Jeder Teilnehmer darf sich aus einer vorgegebenen Themenliste ein Referatsthema
auswählen. Verglichen wird u.a., wie sich Textbücher von Schauspiel
und Oper unterscheiden. In gemeinsamer Kursarbeit wird behandelt, wie
aus Shakespeares Drama "King Lear" Reimanns Oper "König
Lear" entstand.
Gelesen werden Texte und Partituren, Schiller und Verdi, Heiner Müller
und Wolfgang Rihm. Gehört wird wenig alte und viel neue Musik.
"Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne
nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht;
das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist", schreibt der
Regisseur Peter Brook in seinem Basiswerk "Der leere Raum".
Dieser Kurs soll eine Werkstatt sein. Ein leerer Raum für das (Er-)Finden
von Situationen. Ein Resonanzraum.
Teilnahmevoraussetzungen
Wer an diesem Kurs teilnehmen möchte, braucht keine speziellen
Erfahrungen im Bereich des Musiktheaters mitzubringen. Voraussetzung ist
allerdings das sichere Beherrschen eines Instruments.
Wichtig sind Mut und Lust, die Stimme und den Körper als Gestaltungsmittel
zu entdecken und mit dem eigenen Instrument neue Wege zu gehen.
Ansonsten: Seid offen, mitteilsam und experimentierfreudig!
1998, Jugenddorf-Christophorus-Schule Braunschweig
Kursübergreifende Musik
2003, Jugenddorf-Christophorus-Schule Braunschweig
"Musik bewegt - wir bewegen Musik"
mit Frank Löhr, Hamburg
Bewegung ist in der Musik die elementarste Erfahrung: Der Wiener Musikkritiker
Eduard Hanslick (1825-1904) beschrieb Musik als "tönend bewegte
Formen": Bewegung von Melodielinien, von Harmonien, von Rhythmen.
Der Komponist plant diese Bewegungen, der Dirigent setzt sie in körperliche
Bewegungen um. Welche Prinzipien liegen den musikalischen Bewegungsarten
zugrunde, was kann der Dirigent vom Komponisten lernen, was der Komponist
vom Dirigenten?
Der Kurs versucht, Dirigieren und Komponieren als Handwerk zu vermitteln
und über diese Techniken praktisch an das heranzugehen, was üblicherweise
als theoretisch bezeichnet wird.
Er teilt sich auf in folgende Unterdisziplinen:
Dirigieren
Erarbeitet werden Grundlagen der Schlagtechnik, der körpersprachlichen
Kommunikation sowie der theoretische Hintergrund der Dirigierbewegungen
und ihrer Schemata. Außerdem werden verschiedene Dirigierstile bedeutender
Dirigenten verglichen und diskutiert sowie Fragen zur Aufführungspraxis
und zur Interpretation.
Komposition
Jeder Teilnehmer hat Gelegenheit, eine eigene Komposition im Kurs vorzustellen
und zu besprechen. Davon ausgehend wird die Bandbreite heutiger Kompositionssstile
erarbeitet und historisch hergeleitet. Fragen nach der Zukunft moderner
Musik und dem Begriff des Neuen bilden weitere Schwerpunkte.
Beide Bereiche überschneiden und ergänzen sich: Wie lassen sich
Partituren erschließen? Welche musikalischen Gedanken stecken hinter
dem Geschriebenen? Wie schafft man sich aus der Fülle verschiedenster
Informationen (transponierende Instrumente, Klangfarben, Vorder- und Hintergrund,
Spieltechniken) eine Vorstellung der Musik? Wie macht man sie hörbar?
Praxis und Theorie treffen zusammen - auch in den Arbeitsformen: Vorlesungsteile,
Diskussionen in der Gruppe, Übungen mit der Singstimme und am Instrument,
improvisiert und notiert, wechseln sich ab.
Teilnahmevoraussetzungen
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten Interesse an musiktheoretischen
und musikästhetischen Fragen mitbringen und bereit sein, die Stimme
als musikalisches Ausdrucksmittel zu entdecken und einzusetzen. Sie sollten
ein kammermusikfähiges Instrument beherrschen und mittelschwere Kammermusikliteratur
einigermaßen vom Blatt spielen können. Die komponierenden Teilnehmer
werden gebeten, vorher ein eigenes Werk einem der Kursleiter zu schicken.
Da es im Kurs Diskussionsgegenstand sein wird, soll es dort aufgeführt
oder vom Band vorgespielt werden können.
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